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FST 084 

Der Englische Garten – Der Englische Garten       

Year: 2010

 

Tracklist:

 

Junge Leute

Der Geist Der Straße

2 Minuten 45

Baden gehn

Eiffelturm

Unter Dem Wasserfall

Regentag

Heizdecke Am Strand

Dein Taschenmesser

Irgendwoanders Hin

Bitte Bleib Mal  

 

 

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Während die Werbeplakate für das neueste Elaborat von Sting eine Verlängerung des Winters versprechen – eine Drohung, der wir aufgrund der rudimentären Kenntnis seiner bisherigen Musik sofort Glauben schenken müssen –, weht uns mit dem Debüt der deutschsprachigen Pop-Formation Der Englische Garten aus München der Frühling um die Nase. Bekanntlich ist der Englische Garten ein kilometerlanges, weitgehend naturbelassenes Areal in der Hauptstadt des Bieres, welches sich durch Schwabing erstreckt. In diesem tummeln sich Alternative, Einheimische, Touristen und Feinkostjunkies, für die jeweils ein eigenes Plätzchen reserviert ist, die sich aber auch schon mal unter dem Chinesischen Turm und bei den Nackerten am Eisbach zusammenfinden – das paßt völlig zu Recht in das Klischee von München im Sommer.

Man stelle sich nun vor, München wäre nicht in Germanien, sondern an den Gestaden Albions, genauer gesagt bei Blackpool angesiedelt, die Hippies wären smarte Hipster, am Chinaturm würden keine Blaskapellen, sondern die Dexys Midnight Runners, Squeeze, Madness und Jim Jiminie spielen. Wer dem folgen kann, befindet sich innnerhalb des ästhetischen Radius der Band Der Englische Garten. Der Park gleichen Namens wurde zu Zeiten des Klassizismus nach dem Prinzip eines ästhetisch durchdachten Eklektizismus angelegt, welcher die verschiedenen Elemente und Stile (chinesisch, griechisch, englisch, japanisch) in wohlgeordneter Eigenständigkeit, sozusagen in einer höheren Harmonie verschmilzt. Und genau das läßt sich auch von der Musik der Acht-Personen-Band behaupten. In ihr werden die Einflüsse des Beach-Boys-Left-Banke-Sixties-Pops, Kevin Rowlandschen Liedgutes, britischer Gitarrenbands mitsamt einem Spritzer Soul (die Band verfügt über eine markante und hochwertige Bläsersektion) in klassischer Leichtigkeit vereinigt.

Die Formation wurde vor sechs Jahren von dem Sixties-, Country-, Soul- und Sunshine-Pop-Anhänger Axel Koch (Gesang, Gitarre, Ex-Clarks) und dem Pop-Universalgelehrten Bernd Hartwich (Bass, Ex-Merricks) gegründet, hat bislang zwei Singles veröffentlicht, eine Reihe von Konzerten gespielt und erfreut nun das Publikum mit britisch-beschwingten Weisen. Koch bringt das Prinzip Pop auf den Punkt: »Es gibt bestimmte Lieder, die sind am Ende kaum/ noch zu unterscheiden von so etwas wie Lebensraum/ Die schützen dich vor Kälte und schlechtem Umgang auch/ und wenn du mal verschwindest, dann tauchst du in den Liedern auf.«

Diese Lieder handeln von den Widrigkeiten des kapitalistischen Werktaglebens, dem Widersinn des Normalen, der alltäglichen Gehirnwäsche, dem Aufkeimen von Widerstand, dem konstant wiederkehrenden Ver- und Entlieben und von Bommi Baumann. Die Texte verraten ein Interesse an Lyrik (Axel Koch ist in der Tat ein großer Fan z.B. von Friedrich Schiller), klingen aber wie durch ein Wunder doch nicht so, wie in unseren Breiten üblich, als hätte Grünbein einen über den Durs getrunken. Sie stehen auf der Seite der Erniedrigten und Beleidigten, ohne plakativ mit dem roten Fähnchen zu wehen.

Die Musik ist nie niederdrückend, sondern stets so uplifting, frisch und formvollendet, wie man es kaum zu hoffen wagte. Leichte Musik für schwere Zeiten eben. Nachdem der Popsong von der »Hamburger Schule« zu allerlei prätentiösem Studentenklamauk, diskursivem Allerlei und überhaupt zur Dekonstruktion der Kunst mißbraucht wurde, funkelt hier der Pop so euphorisch, neu und unverbraucht, daß man sich nur wundern kann. Der Erstling des Englischen Garten ist eine berückende Platte, eine melodiöse Feier der Popkultur und ein wernerenkebeschwingter Nachruf auf die Stadt der ersten Studentenkrawalle geworden. Und so ist die elende, von Hunden verschissene, hippie-, touri- und schickiverseuchte, durchkommerzialisierte Eso-Wiese samt der Stadt, die man nicht mehr über den Klee loben, aber neben deren Klos man noch leben kann, doch noch zu etwas gut.

Reinhard Jellen

Junge Welt

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Ganz andere Töne aus dem Erblass der Münchner Merricks. Monaco-Franze-Soul mit großem Herz und großer Kraft.
München. Disneyland im Alpenvorland. Reiche Leute spielen einkaufen, proben beim Espresso in der Februarsonne unter freiem Himmel das Abenteuer Leben. Ein einziger Zwiespalt aus Steinen und Menschen. Und doch: München ist in diesem oft so tristen Land ein besserer Ort. Bernd Hartwich aus dem Glockenbachviertel hat sich zur Aufgabe gemacht, das Münchner Lebensgefühl zum Klingen zu bringen. Als Kopf der Merricks rettete er den beschwingten Geist von „Monaco Franze“ und „Zur Sache, Schätzchen“ – die dem positiven Hedonismus in der bayerischen Landeshauptstadt ein Denkmal setzten – über die Jahrtausendwende. Mit Axel Koch traf er 2004 einen Bruder im Geiste, und sie fanden für sich den wohl besten aller Namen. Nun sind Der Englische Garten zu einem Kollektiv aus acht Leuten angewachsen, für das Koch Lieder schreibt, die mit jeder Note das Versprechen einlösen, das diesem Begriff innewohnt.

Die Musik perlt wie kühles Augustiner im August beim Aumeister, ohne dabei nur im Ansatz ins Profane abzugleiten. Der Englische Garten sind viel zu gut, um mit textlichen Verschlüsselungstaktiken Bedeutung vorzutäuschen. Koch hat etwas zu sagen und tut es: „Heizdecke am Strand“ ironisiert mit feiner Klinge die gespielte Leichtigkeit der Münchner: „Wir liegen mit der Heizdecke am Strand, zentimeterhoch der Schnee auf dem Sand, und ein Glas Wein in jeder Hand, die Sonne scheint immer im Abendland.“ Die Hooligan-Hymne „Junge Leute“ karikiert auf gespenstische Weise das lässige Dexys-Feeling – und angesichts der Totschläger von Solln wird dem Hörer fast mulmig. „Dein Taschenmesser“ adaptiert mit Kaffeehauscharme Bommi Baumanns Biografie über seinen Weg in den Untergrund. Das ist der wahre Sound von München, keine andere Stadt lässt Schwermut fröhlicher klingen. „Zwei Minuten fünfundvierzig und die Welt ist nicht mehr hässlich. Zwei Minuten fünfundvierzig. Auf den ganzen Rest verzicht ich.“ Den tieferen Sinn gibt’s ohnehin frei Haus dazu. Vielen Dank, meine Herren!

Tim Jürgens

Intro

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Austickende Jugendliche, die auf zufällig greifbare eintreten – wenn Pop nicht zum Soundtrack eines nett verlogenen Lifestyles verkommen will, dann kann er sich ja auch mal solchen Themen zuwenden. Die Münchner Gruppe Der Englische Garten tut dies gleich auf dem ersten Stück ihres Debüt-Albums. Während Axel Koch sich in Worte wie „Ausnahmezustand“ hineinsoult, swingt die gut gelaunte Bläsersektion so fröhlich-ignorant wie derzeit nur die FDP. „Wir wollen lieber baden gehn, als im Wasserwerferstrahl zu stehn“ – Der Englische Garten trauen sich wieder, Pop-Musik als Kommentar zu Gesellschaftsthemen zu begreifen. Axel Koch spricht von Punk-Attitüde. Dass realpolitische Langeweiler die linken Utopien für beerdigt erklärt haben, stört nicht weiter.      Die Musik von Der Englische Garten ist nicht simpel strukturiert. Wie bei Randy Newman steht sie mit ihrer poppig melodiösen Oberfläche im Spannungsverhältnis. Ohne in irgendeiner Form über Dialekt oder Ausdruck auf ihre Herkunft anzuspielen, kann man durch die Musik, Texte und Themen die Schemen Münchens erkennen. Einer Stadt, die bei Der Englische Garten klingt wie eine Metropole mit Charakter.Zu einem Teil hervorgegangen aus den Merricks, hat sich die Gruppe vor sechs Jahren gegründet. Bei dem Berliner Label Firestation Records hat man  zwei Singles veröffentlicht und jetzt auch das Album. So ein Projekt dauert: Coversuche, neue Aufnahmen – und dann stiegen Schlagzeuger und Gitarrist aus. Und damit alle zu ihrem Recht kommen, ging es auch mit den neuen Musikern ins Studio.                                                     Die Basic-Tracks wurden in einem Studio in Milbertshofen aufgenommen. Dann verlagerte sich die Produktion in die Privatwohnungen – Digitalisierung macht’s möglich, allerdings besteht die Gefahr der Klangschlamperei. Doch bei dieser Gruppe zerfällt der Sound nicht in Einzelteile. Dies mag zum einen daran liegen, dass sie Computer nur als reines Aufnahmegerät verwendet hat. Zum anderen hat großen Anteil daran auch der für die finale Abmischung verantwortliche Albert Pöschl. Kein Studiomeister allerdings schreibt einen Song, der sich ins Hirn bohrt – das haben Der Englische Garten mit ihrem Country-Punk-Swing „Heizdecke am Strand“ schon selber besorgt.

Christian Jooß

Abendzeitung

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Manch einer hatte nicht mehr dran geglaubt. Seit über fünf Jahren sind Der Englische Garten das große Versprechen der Münchner Liveszene. Ihr Debütalbum "hätte eigentlich schon vor drei Jahren rauskommen müssen", wie auch Sänger/Gitarrist/Songschreiber Axel Koch weiß, "aber dann ist unser Drummer ausgestiegen und alles hat sich noch mal hingezogen". Vor allem: "Es dauert halt auch lang, mit acht Leuten die Sachen zu entwickeln." Richtig, ein acht(!)köpfiges Ensemble mit kompletten Bläsersatz haben Axel und Bassist Bernd Hartwich (Merricks) um sich geschart, um ihre Idee von Pop auf hohem Niveau umzusetzen: "Gute Melodien, schmissiger Rhythmus" ist das Ziel, und weil fauler Musikjournalismus nun mal Vergleiche braucht, lässt Axel die Gegenüberstellung mit Paul Wellers Style Council gelten. "Das war 'ne Lieblingsband, mit der sind wir groß geworden. Auch wenn das nicht heißt, dass wir darauf hinarbeiten, so zu klingen. Für Bernd waren die Dexys Midnight Runners noch wichtiger, deren Bläserarrangements." weitere Gemeinsamkeiten mit den genannten Bands: Ihre Texte waren gewitzt sind sozialkritisch - was sich auch beim Englischen Garten wieder findet. "Aber wenn ich singe, 'Wir möchten lieber baden gehen, als im Wasserwerferstrahl zu stehen', zeige ich nicht auf andere, sondern meine mich selbst. Man müsste politisch aktiv sein. Aber man macht's sich bequem, obwohl einen die Dinge nicht passen."

Henning Furbach

Piranha

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Das Jahr ist zwar noch jung, aber wenn das neben der neuen Tocotronic nicht eine der deutsprachigen Platten des Jahres ist! Wirklich unverschämt poppig, die knalligen Bläser machen den Englischen Garten unverwechselbar. Meiner bescheidenen Meinung nach auch viel besser als die oft zum Vergleich herangezogenen Superpunk. Meine Anspieltips: 2 Minuten 45 - mit versteckten(?) Beatles-Zitaten und einem Discobeat oder das treibende Bitte Bleib Mal. Überraschend gute Texte übrigens. Und: Unbedingt Live ansehen!

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Der Englische Garten macht Gitarren-Pop, sagen sie selbst. Da ist was Wahres dran, aber man muss schon auch satte Bläsersätze mögen, um sich hier wohl zufühlen. Lauter alte Hasen sind dabei, angeführt vom Kreativ-Duo Bernd Hartwich (Merricks) und Axel Koch (C.L.A.R.K.), denen unter anderem hochqualifizierte Begleiter wie Jürgen Rippe (Jürgen Rippe Tanzorchester) und Martin Lutz (Höngdobel, Rip Van Winkel) zur Seite stehen. So gesehen konnte also nicht viel schief gehen, dass ihre Mischung aus Beat, Pop und Northern Soul auf ihrem selbstbetitelten Debüt allerdings so gut gelingt, hätten selbst die größten Optimisten kaum zu hoffen gewagt.

In München

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Höchst gelungen das Debüt-Album der acht Lads aus München. Schmissige Pop-Songs voll aufregender Arrangements, mit viel Verve vorgetragen, von der ersten Fanfare der Bläser an packend. Prosa-artige, engagierte Texte, die nicht vom Pop-Appeal der eingängigen Melodien und Grooves ablenken, und es irgendwie schaffen trotz sozialkritischer Tendenz eine euphorisierende Wirkung zu entfalten.
Und was da alles aufgefahren wird! Von Phil Spector-haften Soundwänden über torpedo-förmige Synthie-Linien, die die besten Zeiten von ELO aufleben lassen, bis hin zu zackigen E-Gitarren à la Gang Of Four oder an den Harmoniegesang der Beach Boys angelehnte Bläsersätze. Auch die Dexys Midnight Runners und Style Council lassen grüßen. Aber zugleich hört man eine Band mit einem völlig eigenen Sound, die vor Spielfreude zu platzen scheint. Wenn das Leben im Englischen Garten so brodelt wie bei Der Englische Garten, dann nichts wie hin!

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Perfect pop from Munich-based eight-piece DER ENGLISCHE GARTEN. After two sold-out 7" singles it's time now for the first longplayer from one of the finest indiepop bands from Germany ever. The self-titled debut contains 10 brand new tracks plus a new version of the band's 2008 hit "Junge Leute". A must-have for fans of classic German indiepop, Northern Soul or legendary bands such as The Style Council, Dexy's Midnight Runners, the Merricks, Eggstone or Jim Jiminee.

Rhythm Online

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"Viele Bäume sind doch kein Wald", singt die Münchner Band Der Englische Garten im Atomic Café und schafft, bildlich gesprochen, auch ohne einen einzigen Baum einen Wald. Einen, durch den man - sich ganz der Natur hingebend - flaniert, um erst rückblickend den eingeschlagenen Weg als gegebenen für spätere Spaziergänger festzuhalten.

Statt selbst einen Musikstil künstlich zu kreieren, verarbeitet Der Englische Garten sämtliche musikalische Einflüsse, die wild in ihm wucherten, bevor diese Band sie kultivierte. Zum Beispiel zu einer Art Gitarrenpop für Bläser, die zu dritt ihre Fanfaren über das Popgerüst der Band schmettern, mit eigenen Melodien gegen die Gesangsmelodie anstimmen, sich ineinander verwirbeln, sich gegenseitig zu höheren Tonlagen antreiben und schließlich in einen Chorgesang zusammenbrechen, der einzig von Schlagzeug und Bass gestützt wird, bevor das Piano und die Gitarre das Musikbett wieder füllen, aus welchem der Bläsersatz erneut aufsteigt, wie die Sonne in der Morgendämmerung. Dann galoppiert ein Ska-Rhythmus durchs Geschehen und verebbt schließlich in einen Dub-Reggae, der dem Keyboarder Gelegenheit bietet, mittels des Drehens von Knöpfchen allerlei Gefiepe aus seinem Synthesizer zu wringen.

"I heart Countrymusic" steht auf dem Synthesizer geschrieben, und der implizierte Widerspruch bestimmt das Selbstverständnis der Band, das scheinbare Widersprüche zumindest in Frage stellt. "Axel, wie ist das Spiel ausgegangen?", fragt der Bassist Bernd Hartwich plötzlich ins Publikum. Hatte man ihnen bis dahin abgenommen, deutsche Popstars wie Superpunk zu sein, sind sie für eine kurze Spielunterbrechung wieder die Kumpels aus Giesing. Das ist schließlich kein Gegensatz. Auch Kumpels können Popstars sein, so wie viele der anwesenden Zuschauer zum persönlichen Freundeskreis der Band zählen. "Ich will mich lieber nicht mehr rasieren, statt mich auf Teufel komm raus zu profilieren", verspricht ihnen der Sänger Axel Koch in einem neuen Song.

DIRK WAGNER

Süddeutsche Zeitung

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Fünf Jahre hat es gedauert, jetzt ist das erste Album einer der besten Live-Bands Münchnes da. mucbook hat vor der Releaseparty im Atomic Café  mit den beiden Bandgründern von Der Englische Garten gesprochen.

 

Blosn, so nennt Sänger Axel Koch die Band selbst. Vor fünf Jahren hat er sie zusammen mit Bernd Hartwich gegründet. Die beiden Musiker, damals schon in Bands wie den Merricks oder C.L.A.R.K. prägend für die Szene in München, hatten sich in einem Plattenladen kennen gelernt, stellten gemeinsame musikalische Vorlieben fest und sich danach eine Big-Band zusammen. Schnell erspielte sich Der Englische Garten mit energetischen Live-Auftritten viele Fans und einen Ruf wie Bläserhall. Jetzt endlich, nach zwei Singles, erscheint das selbstbetitelte erste Album  auf Firestation Records. Das Warten hat sich gelohnt: Souliger, direkter Gitarren-Pop mit einem großartigen Bläsersatz, fanfarenartig, überrollend. Dazu der manchmal fast crooner-artige Gesang Kochs, die persönlichen und zugleich politischen Texte. mucbook hat vor der Releaseparty im Atomic Café (Freitag, 5. März, 21.30 Uhr.) mit den beiden Bandgründern gesprochen.

Lang hat es gedauert, bis zum ersten Album. Woran lag es?

Bernd Hartwich: Einige Besetzungswechsel haben uns zurückgeworfen. Deshalb spielen auf dem Album auch zwei verschiedene Schlagzeuger. Und das andere war, dass wir die Stücke auch live erproben und entwickeln wollten. Die Lieder verändern sich ja mit jedem Auftritt. Wir wollten einfach erstmal auf die Bühne und schauen, wie die Musik ankommt und haben gesagt: Aufnahme kommt dann später irgendwann.

Ihr wolltet diese Live-Situation ja auch auf das Album holen.

Harwich: Das war auch ein Grund, warum es so lange gedauert hat. Es ist nämlich gar nicht so leicht, einen Raum zu finden, in dem man zu acht aufnehmen kann, so dass es auch diesen Live-Charakter bekommt. Wir hatten ja auch kein großes Budget, haben das mit eigenen Mitteln aufgenommen, zum Teil Mikros ausgeliehen, die Aufnahme selbst hat dann unser Trompeter gemacht.

Du hast mal gesagt, dass ihr münchnerisch klingt, obwohl ihr gar nicht so klingen wollt.

Hartwich: Wir schreiben nicht gezielt Texte über die eigene Stadt, wollen nicht gezielt unser Verhältnis zur eigenen Stadt darstellen. Aber man kann sich auch nicht dagegen wehren, dass das durchkommt.

Was ist denn „das“?

Hartwich: Das geht mit dem Bandnamen los, in einer Textzeile kommt mal die Ludwigsstraße vor, das Cover vom der zweiten Single ist ein Bild der Schwabinger Krawalle.

Das ist das Äußerliche. Aber was findet man denn in der Musik?

Hartwich: Ich weiß nicht, ob es in anderen Städten so eine Band geben kann wie uns. Wir werden ja manchmal mit so was wie Superpunk verglichen, aber das ist schon ganz anders. Im Gegensatz zu Hamburg mit der Beathistorie oder Berlin, wo die Musik immer so ein bisschen kaputt war, ist München schon etwas anderes, vielleicht auch,  weil schon immer mehr Geld da war und die Leute das dann anders umsetzten.

Koch: Ich glaube das hat schon auch etwas mit einem Lebensgefühl zu tun. München im Sommer! Die Stadt hat schon etwas Mediterranes. Aber wir machen das nicht bewusst. Ich höre das aber bei vielen Münchner Bands raus. Bei den Merricks, den Moulinettes, bei der Münchner Freiheit. Aber das ist oft so: Dass eine Musik aus einem bestimmten Ort kommt und man das hört: Das ist der Sound of Detroit.

Aber so was hat München ja nie gehabt. Abgesehen von Disco.

Hartwich: Was heißt „abgesehen von Disco“? Die Disco Geschichte war massiv, das war in den USA Nummer eins „Fly Robin fly“. Das war wahnsinnig erfolgreich, sehr kommerziell. Das ist für mich nach wie vor der Sound, für den München steht, da haben sich einige darauf bezogen, die Merricks, DJ Hell usw. Und genau aus dieser Historie heraus ist es auch klar, dass es in Hamburg eher Bands gibt, die mit Gitarre und Schlagzeug anrücken, als in München. Und deshalb es ist auch klar, dass es in München eher Bands gibt, die so einen Glanz in der Musik haben. So einen anderen Touch. Bei Isar 12 geht das los und geht wirklich bis zur Münchner Freiheit, das geht sogar bis zum dem Rock´n´Roll der Spider Murphy Gang, weil das auch so einen Tick Pop drin hatte.

Koch: Aber das glaube ich hatte schon mehr mit dem Lebensgefühl zu tun, als mit der Disco. Die Frage ist was war zuerst da.

Hartwich: Egal. Das hat sich gegenseitig bedingt.

Wie schreibst Du denn die Texte?

Koch: Ich schreibe über Sachen, die mich beschäftigen. Ich würde das nicht groß proklamieren, aber ich glaube schon, dass Popmusik eine Möglichkeit ist, seine Stimme geltend zu machen, sich Gehör zu verschaffen. Auch politische Haltungen zu vertreten. Und ich kann die Leute dazu bringen, darüber nachzudenken. Das sehe ich nicht als meine Aufgabe. Aber ich kann mir vorstellen, dass Popmusik politischer wird. Dass möglicherweise sogar die politische Äußerung das Entscheidende wird. Ich könnte mir vorstellen, dass das Statement, gar nicht mehr ironisch verbrämt, wieder kommt, mit mehr Bedeutung als jemals zuvor.

Hat Kritik im Pop ihren Platz?

Koch: Ja, aber bei uns steht die Musik im Mittelpunkt. Im Prinzip jedoch geht’s da auch darum, dass man sich nicht dauernd über den Tisch ziehen lässt, dass alles als schön und glänzend verkauft wird, was eigentlich hohl ist. Das sind Sachen, die einen beschäftigen. Und wenn man so einen Text schreibt, muss man sehr genau drüber nachdenken, das ist eine Auseinandersetzung mit einem Thema. Das heißt, dass sie Texte keine letztendliche Weisheit verkünden. Ich glaube, dass die Texte den Prozess der Auseinandersetzung wiedergeben. Da gibt es keine letztendlich Schlussfolgerung, sondern die Beschäftigung selbst ist das Thema.

Wie seht ihr die Situation der Popmusik aktuell?

Koch: Die Musik entwickelt sich nicht nur nicht mehr weiter, sondern sie hat nicht mehr die Bedeutung für große Teile der Jugend. Das ist jetzt eine Art der Freizeitbeschäftigung von vielen. In den 60er, 70er, 80er Jahren dagegen nahm die Popmusik auch Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung. Das kann man natürlich auch kritisch sehen. Die Popkultur damals hat die Kommerzialisierung vorangetrieben. Das, was in den 60ern Revolution genannt wurde, hat ja dazu beigetragen, dass jetzt in ganz anderem Maße Freizeit konsumiert wird. Das hat den Weg bereitet für riesige Industriezweige, wo wahnsinnig viel Geld gemacht wird. Die haben zwar damals gesagt, das ist alles Müll, aber sie haben den Kapitalismus gefördert.

Nervt es Euch, dass Bands auch immer ein Geschichte brauchen, ein Image, dass die Musik gar nicht die entscheidende Rolle spielt?

Hartwich: Ich will mit diesen acht Menschen Musik machen, weil ich die gut finde, weil wir die gleichen musikalischen Vorlieben haben. Das ist unser Branding. Das steht für sich. Wir vermitteln das auch auf der Bühne. Das ist nicht aufgesetzt.

Kann Popmusik noch in irgendeiner Form die Erfahrungswirklichkeit unsere Gegenwart bündeln?

Koch: Nein, das glaube ich nicht. Ich war gerade bei MGMT auf einem Konzert. Da standen die Leute rum, waren aber nicht richtig dabei. Die schauen sich das an und finden cool, dass sie da sind. Man hat nicht den Eindruck, dass die das wirklich lieben. Die geben nicht alles. Das ist ein bisschen wie in einer Lounge. Musik ist eine Sache von vielen, neben Computerspielen und so weiter, und für kaum mehr jemanden essentiell, wie das früher vielleicht war.

Hartwich: Das ist unsere Zeit, du hast die Möglichkeit von der Techno- zur Schlagerparty zu stolpern und Spaß zu haben. So denken die jungen Leute auch. Das sollte man gar nicht negativ sehen. Das ist auch eine Freiheit, die wir haben.

 

Auf dem Cover des Albums sieht man die Band eine Straße entlanggehen. Wo ist das?

Koch: In Giesing. Candidplatz.

Warum habt ihrs da gemacht.

Koch: Das ist unterhalb vom Löwenstadion.

Hartwich: Ich bin Löwenfan.

Koch: Und wenn der neue Straßenkampf irgendwann kommt, dann in Giesing (lacht).

Das sieht schon ein bisschen aus wie eine Gang, auf dem Cover?

Koch: Das ist eine Blosn. So haben wir uns das gedacht.

Warum ist da oben dieses Eck nicht eingefärbt.

Koch: Das war ein Zufall. Wir haben am Computer ein bisschen rumprobiert und fanden das ganz gut.

Hartwich: Das ist auch in der Musik oft so, dass man Sachen macht, die zufällig entstehen, oft durch Fehler, die man selbst plötzlich gut, interessant, spannend, findet und sich sonst gar keine weiteren Gedanken dazu macht. Und die Umwelt liefert dann die Interpretation dazu. Im Grunde kann man dann als Band nur noch „ja“ sagen. Wenn jemand das in einer bestimmten Art und Weise sieht, dann ist das so.

Welchen Stellenwert hat Musik für Euch?

Hartwich: Auf einer Skala von eine bis zehn: zehn. Klar. Man lebt für die Musik, das macht so wahnsinnig Spaß in einer Band zu spielen, mit allen Höhen und Tiefen, das sind große Erfahrungen.

Hartwich: Es macht auch Spaß mit den Leuten zusammen zu sein. Als Teenager hängt man mit seiner Gang ab. Und dann ist das irgendwann vorbei. Mit der Band kommt das wieder.

Seht ihr das als Verlängerung der Jugend?

Koch: Finde ich schon. Aber wie Ringo Star sagt: „Als Popmusiker wird man nie älter als 24“. Früher hat mich der Begriff Berufsjugendlicher gestört. Aber es ist so: Ich hab versucht erwachsen zu werden und irgendwann habe ich gemerkt…(lacht). Ich will nicht in der Firma sitzen und für andere Leute arbeiten, damit die reich werden.

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